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Stadt Coburg

Erinnerungskultur

Coburgs Rolle in der NS-Zeit

Im Auftrag des Stadtrats zu Coburg hat Dr. Eva Karl sich mit Coburg in der Zeit des Nationalsozialismus beschäftigt. Ihre Forschungsergebnisse unter dem Titel "Coburg voran! Herrschen und Leben in der ersten nationalsozialistischen Stadt Deutschlands" stellte sie am 13. Mai im Rathaus vor.

NS-Aufmarsch im Jahr 1936 in Coburg (Foto aus dem Bestand des Stadtarchivs Coburg)

Im Auftrag des Coburger Stadtrats hat die Historikerin Dr. Eva Karl über sieben Jahre untersucht, wie es dazu kommen konnte, dass Coburg erste nationalsozialistische Stadt Deutschlands wurde. Die Ergebnisse wurden nun vorgestellt.

„Die Aussprüche ‚Coburg voran!‘ und ‚Der Name Coburg verpflichtet!‘ – Schlachtrufe der Coburger NSDAP in der Kampfzeit – dienten auch nach der Machtübernahme immer wieder dazu, die Coburger auf ihre Rolle als nationalsozialistischer Vorreiter einzustimmen“, begann Dr. Eva Karl ihren Vortrag im vollbesetzten Rathaussaal. Die Antwort auf die Frage, warum Coburg zur Avantgarde des Nationalsozialismus wurde, habe sie vor allem „in dem noch wenig beachteten Blick auf das bürgerliche Coburg, auf ein stadtbürgerliches Milieu, welches sich zum Ende der 1920er hin in großen Teilen der NSDAP zuwandte“, gefunden.

Dieser Blick auf das bürgerliche Coburg offenbarte laut der Historikerin zunächst eine über Jahrzehnte etablierte Mentalität und Weltanschauung, die sich anschlussfähig für radikales Gedankengut machten. Nach Krieg und Revolution sei in der Vestestadt das Bürgertum orientierungslos gewesen, geplagt von wirtschaftlicher und identifikatorischer Unsicherheit.

Die bürgerliche Kommunalpolitik habe nach der Revolution von 1918/19 auf der kommunalpolitischen Ebene keine adäquaten Antworten mehr gefunden. „In Verbindung mit den speziellen Herausforderungen der Stadt nach 1920 führte dies letztlich zu einem Prozess der Auflösung der traditionellen Legitimierung von politischer Verantwortlichkeit.“

Am radikalsten habe sich dieser Umschwung im starken Zulauf zu völkischen Wehrverbänden niedergeschlagen, die Coburg zu einer völkischen Hochburg machten. „Das Vereins- und Verbandswesen mobilisierte die Bevölkerung und bereitete dabei die ideologische, personelle und organisatorische Öffnung hin zum Nationalsozialismus vor. Bevor die NSDAP in Coburg überhaupt zu Bedeutung gelangt war, waren etwa der Führergedanke oder das Heraufbeschwören einer Volksgemeinschaft bereits in der Mitte der Gesellschaft heimisch geworden“, erklärte Dr. Eva Karl.

Auch das herzogliche Haus habe zu diesem Ergebnis entschieden beigetragen, nicht nur durch Herzog Carl Eduards öffentlichkeitswirksame Unterstützung völkischer Verbände. Vor allem die Netzwerke des Herzogs machten Coburg zum Knotenpunkt etlicher völkischer und nationalsozialistischer Kreise: „Sowohl Carl Eduard als auch das Stadtbürgertum waren auf der Suche nach einer politischen Kraft, die nicht nur die Wiederbelebung der ‚guten alten Zeit‘, sondern vielmehr das Gefühl eines Aufschwungs versprach und Coburg wieder an die Spitze stelle, in der NSDAP fündig geworden.“

Im Hauptteil der Arbeit stand die Phase zwischen 1929 und 1945. In dieser Zeit, so die Historikerin, wirkten nicht nur die NSDAP, sondern auch die Verwaltung, die übergeordnete Staatsebene, die Kirche, das herzogliche Haus, das Militär und die Wirtschaft zentral auf die Stadtpolitik ein. Franz Schwede legte mit einer aktionistischen und außenwirksamen Politik das Fundament für eine potente Herrschaft. Bereits 1933 waren in Coburg die zentralen Funktionsstellen der Verwaltung mit Nationalsozialisten besetzt. Durch Repressionen, Mobilisierung und Anreize habe man zudem erreicht, dass über 90 Prozent der städtischen Beschäftigten der Partei und ihren Gliederungen beitraten.

Als Beispiel nannte die Historikerin Wilhelm Janzen. Dieser war bereits seit 1922 Polizeiinspektor und stieg 1924 zum Polizeidirektor auf. Politisch deutschnational aufgestellt, stand er dem völkischen Lager zunächst wohlwollend gegenüber. Er hatte sich aber zur Aufgabe gemacht, gegen politische Unruhe einzuschreiten, und damit auch gegen die immer mächtiger werdende NSDAP. Direkt nach der Machtübernahme in Coburg 1929 intrigierte die NS-Fraktion im Stadtrat gegen Janzen. 1931 beschloss man eine Rückstufung Janzens und legte ihm den Ruhestand nah. Als Janzen ablehnte, versetzte man ihn auf einen abgelegenen Posten im Wohlfahrtsamt. Parallel dazu wurde Janzen mit gezielten Drangsalierungen und Überwachungen überzogen. Das führte zu einer Nervenschwäche Janzens, immer öfter musste er sich dienstunfähig melden. Von Seiten des Stadtrats holte man nun fachärztliche Gutachten ein, um eine Entfernung aus dem Dienst vorzubereiten. 1932 gelang dem Stadtrat schließlich die Versetzung Janzens in den Ruhestand. Gleich nach der Machtübernahme in ganz Deutschland missbrauchte Schwede die nun erworbene Machtfülle aus und ließ Janzen ins Konzentrationslager Dachau einweisen.

Dr. Eva Karl beschrieb noch zwei weitere Schicksale: das von Margarete S. die 1939 wegen angeblich angeborenem Schwachsinn sterilisiert und deren Kind abgetrieben wurde und das des Oberlehrers der Rückertschule, Oskar Engel, der 1929 von der SA öffentlich vor den Augen vieler Bürger auf dem Marktplatz an den Pranger gestellt wurde, weil er seinen Schülern verboten hatte, „Heil Hitler“ zu rufen.

Insgesamt kam die Historikerin zum Schluss, dass „die NSDAP das Potenzial voll ausschöpfen, das städtische Selbstbild eng mit der eigenen Rolle im Dritten Reich verschmelzen lassen konnte. „Coburg voran!“ war nicht nur eine hohle Propagandaphrase, sondern wurde von der Coburger NSDAP, der Stadtverwaltung und auch Teilen der Bevölkerung angeeignet und schlug sich nachweislich ganz konkret im Handeln nieder. Hier bestätigte sich nachdrücklich, dass das NS-Regime nicht nur durch strenge Befehlsausführung und Zwang Bestand hatte, sondern eine beachtliche Bereitschaft zur Selbstmobilisierung vorhanden war, an der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft mitzuwirken.

Das Buch „Coburg voran!“ von Dr. Eva Karl erscheint im Herbst.

Vor Dr. Karl hatte Prof. Dr. Dr. h.c. Gert Melville einen einführenden Vortrag mit dem Titel „Die Magie der Autokratie – Wie konnte/kann es dazu kommen?“ gehalten. Diesen Vortrag, sowie die Begrüßung durch Oberbürgermeister Dominik Sauerteig, können Sie unten nachlesen.