Eine Steinplatte, etwas 1,20 Meter lang, 50 cm breit. Wind, Regen, Schnee und Eis haben ihr stark zugesetzt. Der Schmuckrand ist noch gut erkennbar, die Inschrift lässt sich aber nur noch erahnen. Wie viele Male er an dieser Steinplatte vorbeigelaufen ist, kann Tobias Debudey nicht mal schätzen. Als Abteilungsleiter auf dem Friedhof kam sie ihm aber sofort in den Sinn, als er Ende Oktober von einer neuen Technik erfahren hatte. „Das Beste ist, es sind keine teuren Geräte nötig. Es braucht nur Zeit, um viele Fotos aufzunehmen“, erklärt Debudey. Aus verschiedensten Winkeln hat er die Steinplatte abgelichtet. Für den nächsten Schritt mussten die Fotos nach Bayreuth. Dort arbeitet Dr. Wolfgang Hegel in der Heimatpflege des Bezirks Oberfranken.
In einem Forschungsprojekt über Jüdische Kleinfriedhöfe in Franken (jf-franken.de) hat er Erfahrungen mit dem Structure-from-Motion-Verfahren gesammelt. Dieses imitiert die Art und Weise wie Menschen ihre räumliche Wahrnehmung erzeugen. Wenn wir uns bewegen, ändern sich die Blickwinkel auf die Objekte vor uns. Die vielen Fotos des aus unterschiedlichen Positionen erlauben Dr. Hegel, mit einer speziellen Software ein dreidimensionales Modell der Steinplatte zu erstellen. So werden auch feinste Strukturen auf der Oberfläche sichtbar. Das gilt auch für die Inschrift. „Wir haben hier das Grab von Anna Elisabeth Scheler. Es ist immer aufregend, wenn ein Stück vergessene Geschichte wieder ans Tageslicht kommt“, beschreibt es Heimatpfleger Hegel. Der Name „Anna Elisabeth Scheler“ und ihr Geburtsdatum, 26. Februar 1789, waren gut lesbar. Ihr Todestag allerdings nicht. Lediglich der Monat „August“ ließ sich ohne Probleme erahnen.
„Das ist aber der Punkt, der den Historiker freut. Jetzt kann die Recherche in den Archiven beginnen. Schnell habe ich den ehemaligen Wohnort im Steinweg 17 [heute Woolworth] herausfinden können“, so Hegel. Bezirksheimatpfleger Prof. Dr. Günter Dippold lieferte weitere Hinweise auf die Verstorbene. Anna Scheler starb am 3. August 1856. Sie war Witwe des Wirts des Gasthaus Goldener Löwe, das bis ins Jahr 1909 existierte.
Es ist auch ein Beispiel, wie die Coburger aus ihrer Verbindung zum britischen Königshaus Kapital schlagen wollten. Ein paar Jahre nach dem Verkauf des Gasthauses benannte der neue Besitzer es in ‚Hotel Viktoria‘ um, wie Stadtheimatpfleger Dr. Christian Boseckert herausgefunden hat: „Der Name signalisierte einen höheren Standard, wie er von Hotels im 19. Jahrhundert erwartet wurde: mehr Komfort, repräsentative Gasträume, oft bessere Zimmerausstattung. Er zeigte, wie eng Coburgs Geschichte mit der britischen Monarchie verbunden war – nicht nur auf höfischer Ebene, sondern auch im Stadtalltag. Mit dem Namen ‚Hotel Viktoria‘ wurde der ehemalige Gasthof Teil jener touristischen und gesellschaftlichen Infrastruktur, die Coburg als Residenzstadt attraktiv machte.“
Wer weiß, welche Geheimnisse noch auf dem Coburger Friedhof schlummern?