Als um 1600 im Herzogtum Coburg von „Apotheke“ die Rede war, dachte niemand an helle Räume mit weißen Kacheln und verschreibenden Ärzten nebenan. Medizin war Handwerk, Experiment – und ein gutes Stück Magie. In dieser Welt entsteht die Coburger Hofapotheke.
Unter Herzog Johann Casimir erhielt 1605 der Destillator Johann Popp ein besonderes Vorrecht: ein Apotheken-Privileg. Popp war schon zuvor als herzoglicher Hof-Destillator tätig, also als Spezialist für die Herstellung destillierter Essenzen, Branntweine und Heilwässer. Daneben handelte er mit Kräutern – ein typisches Profil für Apotheker dieser Zeit.
Seine Apotheke lag nicht etwa im Schloss, sondern in der Stadt, im Haus Ketschengasse Nr. 1. Dort wurden getrocknete Wurzeln, Samen, Harze und exotische Drogen aus Übersee verarbeitet: von heimischem Wermut bis zu kostbarem Pfeffer, Zimt oder Opium. Viele dieser Stoffe kamen über weit verzweigte Handelsnetze nach Mitteleuropa – ein damaliges „Globalisierungsprodukt“.
Popp verkaufte seine Apotheke später an Samuel Stählin. Über ihn gingen jedoch offenbar zahlreiche Beschwerden bei Herzog Casimir ein, sodass dieser Stählin 1617 das Privileg wieder entzog. Für einen Hofapotheker war das der Super-GAU: Ohne Erlaubnis des Fürsten war der Betrieb einer Apotheke nicht zulässig.
Nach dem Entzug des Privilegs wurde die Hofapotheke unter einem neuen Hofapotheker an einen besonders prestigeträchtigen Ort verlegt: in die Residenz, das Schloss Ehrenburg. Dort war sie nahe bei Hofstaat und Regierung untergebracht. Fürstliche Hofapotheken hatten eine wichtige Doppelfunktion: Gesundheitsversorgung des Hofes – der Fürst, seine Familie und die Bediensteten mussten bei Krankheit rasch versorgt werden.
Repräsentation – eine gut ausgestattete Apotheke mit exotischen Arzneien, wohlgeordnete Regale mit Standgefäßen und ein gelehrter Hofapotheker zeigten: Hier regiert ein moderner, „vernünftiger“ Fürst. Gleichzeitig war eine Hofapotheke meist auch für die Bevölkerung von Bedeutung, weil sie oft die einzige oder zumindest wichtigste Arzneimittelquelle in der Stadt darstellte.
Die relative Ruhe endete abrupt im Dreißigjährigen Krieg. 1632 plünderten Wallensteins Truppen die Hofapotheke im Schloss Ehrenburg. Arzneien, Geräte, Glasgefäße – vieles wurde gestohlen oder zerstört. Für den Hof bedeutete das nicht nur einen wirtschaftlichen Verlust, sondern eine gefährliche Lücke in der medizinischen Versorgung.
Solche Plünderungen waren kein Einzelfall. Apotheken galten als attraktiv, weil dort leicht transportierbare, wertvolle Waren lagerten: Zucker, Gewürze, Alkohol, Edelmetallgeräte. Der Krieg trug insgesamt dazu bei, die medizinische Versorgung zu verschlechtern; gleichzeitig nahm der Bedarf an Heilmitteln durch Verwundungen, Seuchen und Mangelernährung eher zu.
1638 verlor Coburg seine politische Eigenständigkeit. Die Apotheke bestand zwar weiter, doch ein neuer offizieller Hofapotheker wurde zunächst nicht mehr ernannt. Das zeigt, wie eng medizinische Strukturen an politische Verhältnisse geknüpft waren: Wenn sich Herrschaftsgebiete zusammenschlossen oder verschoben, veränderten sich auch die Zuständigkeiten für Gesundheitseinrichtungen.
Erst unter Herzog Albrecht von Sachsen-Coburg erhielt die Hofapotheke wieder einen namentlich privilegierten Inhaber. 1682 verlieh Albrecht das Hofapotheken-Privileg an Elias Holbruch. Mit ihm verließ die Hofapotheke das Schloss als Hauptstandort und zog mitten ins städtische Leben: Holbruch eröffnete die Hofapotheke im Hause Markt 15.
Damit war die Hofapotheke nun nicht nur symbolisch, sondern ganz konkret an der Schnittstelle zwischen Hof und Bürgerschaft angesiedelt – direkt am Marktplatz, dort, wo Handel, Nachrichten und Gerüchte zusammenliefen.
Rund um dieses Haus hält sich hartnäckig eine hübsch erzählbare, aber falsche Geschichte: Oft wird behauptet, der Apotheker Cyriacus Schnauß habe schon 1543 in eben diesem Gebäude eine Apotheke eröffnet. Das klingt beeindruckend alt und würde die Tradition der heutigen Apotheke noch weiter in die Vergangenheit verlängern. Historisch belegt ist diese Gründung an dieser Stelle aber nicht. Trotzdem wird diese Legende gerne weitergegeben – ein Beispiel dafür, wie sich Familien- und Stadtidentität manchmal ein wenig romantischer präsentiert, als die Quellen es erlauben.
Was machte die Hofapotheke eigentlich?
In der Coburger Hofapotheke des 17. Jahrhunderts gab es weniger fertige „Tabletten und Tropfen“ als vielmehr eine kleine Manufaktur. Tinkturen, Essenzen, Salben, Pflaster und Pülverchen wurden direkt vor Ort hergestellt. Neben heimischen Pflanzen wie Kamille und Salbei kam ab dem 17. Jahrhundert auch Chinarinde als Fiebermedikament zum Einsatz. Auch tierische Produkte wie Bibergeil, Hirschhorn und Moschus waren als Arzneimittel geschätzt. Die dritte Gruppe von Heilstoffen waren verschiedene Minerale. Schwefel, Quecksilber, Antimon, Blei- und Kupfersalze waren wirkungsvoll, aber oft hochgiftig.
Der Hofapotheker war aber nicht nur Handwerker, sondern auch eine Art „medizinischer Ratgeber“ seiner Zeit: Er kannte die neuesten Rezepturen, las – soweit möglich – die Werke der Gelehrten und stand Ärzten und Badern (Heilkundler ohne Studium) mit Rat und Tat zur Seite.
Für uns wirkt vieles aus dieser Zeit widersprüchlich: Astrologie und Aberglauben standen neben ernsthaften naturwissenschaftlichen Beobachtungen. Apotheker führten oft akribische Versuchsreihen durch, um Destillationsverfahren zu verbessern, neue Mischungen zu testen oder Gift- und Heilwirkungen zu unterscheiden.
Gleichzeitig hielt sich die antike Vorstellung der Vier-Säfte-Lehre (Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle) hartnäckig. Viele Mischungen sollten diese „Säfte“ ins Gleichgewicht bringen. Die Hofapotheke war also ein Ort, an dem Tradition, Experiment und frühe Wissenschaft aufeinandertrafen.