Rudolf Priesner gehört zu jenen Persönlichkeiten, die Coburgs Geschichtsbild in der Nachkriegszeit geprägt haben. Er war Hofapotheker, Lokal- und Dynastiehistoriker sowie eine feste Größe im kulturellen Leben der Stadt.
Er entstammte der Apothekerfamilie Priesner, die seit dem 19. Jahrhundert mit der Hof-Apotheke am Markt verbunden ist. Die Familien Heil und Priesner hatten dort schon über Jahrzehnte hinweg gewirkt und die Offizin zu einem Stück identitätsstiftender Stadtgeschichte gemacht. In diesem Umfeld wuchs Priesner auf. Coburg blieb lebenslang sein Bezugspunkt.
Nach der Schulzeit schlug Priesner konsequent den pharmazeutischen Weg ein, absolvierte Studium und Staatsexamen und erwarb schließlich den Doktortitel. Mitte der 1950er Jahre trat er als Inhaber an die Spitze der Hofapotheke und übernahm damit die Verantwortung für ein Unternehmen, das seit 1682 ununterbrochen betrieben wurde.
Unter seiner Führung gelang ihm der Spagat zwischen Denkmalpflege und zeitgemäßer Pharmazie. Die Offizin blieb unter den alten Kreuzrippengewölben, doch Sortiment und Laborarbeit orientierten sich an den wissenschaftlichen Fortschritten der Nachkriegszeit. Zugleich verstand er die Hof-Apotheke als lebendige Traditionsstätte: Für das 425-jährige Bestehen 1968 gab er eine Festschrift heraus, in der er gemeinsam mit Fachkollegen die Bau- und Familiengeschichte der Apotheke nachzeichnete. Damit verband er berufliches Fachwissen mit historischem Interesse und machte die historische Kontinuität der Apotheke sichtbar.
Parallel zu seiner Tätigkeit entwickelte sich Priesner zu einem profilierten Autor. In vielen Büchern widmete er sich den europäischen Verflechtungen des Coburger Herzogshauses und erzählte Hofgeschichte in erzählerisch zugänglicher Form. Seine Heimatstadt sah in ihm deshalb nicht nur den Apotheker, sondern ebenso einen „Schriftsteller von Coburg“, der historische Stoffe literarisch aufbereitete.
Sein Engagement blieb nicht auf Schreibmaschine und Apothekentresen beschränkt. 1955 übernahm Priesner den Vorsitz der Historischen Gesellschaft Coburg und führte sie mehr als zwei Jahrzehnte lang – bis 1977 – als erster Vorsitzender. Unter einer Leitung organisierte der Verein Vorträge, Exkursionen und Jubiläumsfeiern und trug wesentlich dazu bei, Coburgs Geschichte im öffentlichen Bewusstsein zu verankern. Darüber hinaus wirkte er im Frankenbund und in weiteren landesgeschichtlichen Netzwerken mit. Für sein literarisches und kulturgeschichtliches Wirken erhielt er die Dauthendey-Plakette, eine Auszeichnung für fränkische Autoren, die seine Stellung innerhalb der regionalen Schriftstellerszene belegt.
Als er 1983 starb, erinnerte man sich an einen Mann, der Beruf und Berufung ungewöhnlich eng miteinander verknüpft hatte: den Hofapotheker, der in einem der ältesten Häuser am Coburger Markt Arzneien herstellte, Festschriften herausgab, europäische Königsgeschichten erzählte und Vereine leitete. Die Hof-Apotheke blieb in Familienhand und führt bis heute die Bezeichnung mit dem Namen Priesner – ein stilles Zeichen dafür, dass Rudolf Priesners Lebenswerk sowohl in der Pharmazie als auch in der Erinnerungskultur der Stadt weiterwirkt.