Rudolf Kaemmerer prägte als Landrat des Landkreises Coburg fast zwei Jahrzehnte lang die Entwicklung einer Region, die nach 1945 an der Grenze zur DDR lag und sich dennoch beharrlich modernisierte. Kaemmerer entstammte einem bildungsnahen Elternhaus: Sein Vater war der Kunsthistoriker und spätere Leiter der Coburger Kunstsammlungen, Dr. Ludwig Kaemmerer (1862–1938).
Aufgewachsen u. a. in Posen, legte Kaemmerer dort 1913 das Abitur ab. Eine Ausbildung im Buch- und Verlagsbuchhandel führte ihn früh in die Welt des gedruckten Wortes. Mitte der 1920er Jahre wechselte er in leitende Funktionen zum Leipziger Traditionshaus Reclam. Zeitgenössische Quellen beschreiben ihn als tatkräftigen Organisator mit Sinn für Programmpflege und Breitenwirkung. Mit der NS-Machtübernahme verschärften sich die Repressalien gegenüber politisch missliebigen Mitarbeitern in der Buchbranche. Kaemmerer, nicht nur politisch missliebig sondern auch nach der Definiton der Nazis „Halbjude“ (seine Mutter war Jüdin), musste deshalb auf Verlangen der Reichsschrifttumskammer 1937 aus dem Reclam-Verlag ausscheiden.
Nach dem Krieg fand Kaemmerer in Coburg eine neue kommunale Aufgabe und wurde Stadtkämmerer. Dies war eine Schlüsselposition in Zeiten von Versorgungskrisen, knappen Kassen und Wohnungsnot. Das Amt war zudem für den Wiederaufbau und die Haushaltskonsolidierung zentral und stärkte Kaemmerers Profil als sachorientierter Praktiker.
Im Frühjahr 1946 kandidierte Kaemmerer für die SPD erfolgreich als Landrat des Landkreises Coburg. In die ersten Jahre fielen die Aufnahme tausender Flüchtlinge und Heimatvertriebener, die Neuordnung der Verwaltung sowie die Einpassung des Landkreises in die amerikanische Besatzungszone. Der Landkreis lag im „Zonenrandgebiet“ – eine Lage, die Chancen und Grenzen der Entwicklung gleichermaßen bestimmte. Kaemmerer warb früh für eine nüchterne, auf Ausgleich und Investitionen gerichtete Kreispolitik.
Seine Arbeit als Landrat war – typisch für die Nachkriegsjahrzehnte – weniger vom Glanz großer Einzelprojekte als von kontinuierlicher Verwaltungsarbeit geprägt: Ausbau der Kreisstraßen, Schul- und Fürsorgewesen, Gesundheitsversorgung, Wohnungsbau und die schrittweise Modernisierung der Infrastruktur. In einem ländlich geprägten Raum mit kleinteiligen Gemeinden kam es darauf an, kommunale Selbstverwaltung zu stabilisieren, interkommunal zu koordinieren und dabei knappe Ressourcen zielgenau einzusetzen. Kaemmerers Reputation als ruhiger Finanz- und Verwaltungsfachmann, die er bereits als Stadtkämmerer erworben hatte, kam ihm hier zugute. Politisch war er als Sozialdemokrat im fränkischen Kontext verankert, ohne polarisierende Kanten. Von 1954 bis 1962 gehörte er zusätzlich dem Bezirkstag von Oberfranken an. 1964 verzichtete er aus Altersgründen auf eine erneute Kandidatur als Landrat.
Zeitgenössische Beobachter beschreiben Kaemmerers Amtsführung als sachlich, ausgleichend und auf die Möglichkeiten einer Grenzregion zugeschnitten. Die beinahe 18 Jahre seiner Landratszeit markieren eine Epoche der Normalisierung: vom unmittelbaren Nachkrieg über die Währungsreform 1948 bis zu den Anfängen des „Wirtschaftswunders“. In diese Phase fiel die demografische Expansion durch Zuzug – im Landkreis wuchs die Bevölkerung nach 1945 deutlich –, was Druck auf Infrastruktur und öffentliche Finanzen erhöhte und dennoch Grundlage für wirtschaftliche Belebung schuf. Kaemmerers integrativer Verwaltungskurs half, die Belastungen zu verteilen und die Chancen zu nutzen.