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Stadt Coburg

Fritz von Selle (1868-1947)

Vom Frontkommandeur zum General

Fritz von Selle war ein preußischer Berufsoffizier, Frontkommandeur des Ersten Weltkriegs und späterer Charakter-Generalleutnant. Als Regiments- und Brigadekommandeur prägte er die Einsätze seines Truppenteils an West- und Ostfront.

Selle entstammte einer Offiziers- und Gutsbesitzerfamilie. Sein Vater war schon Rittmeister. Nach der Ausbildung im Kadettenkorps trat er 1889 als Sekondeleutnant in das Infanterie-Regiment „Graf Tauentzien von Wittenberg“ (3. Brandenburgisches) Nr. 20 in Wittenberg ein. Früh wurde sein dienstlicher Werdegang von Generalstabs- und Adjutantentätigkeiten geprägt: 1896 Premierleutnant, 1898 Kommandierung in den Großen Generalstab, anschließend Adjutant bei der 15. Infanterie-Brigade in Halle (Saale). 1902 folgte die Beförderung zum Hauptmann und eine mehrjährige Verwendung im Preußischen Kriegsministerium, unterbrochen von einer Kompaniechefzeit im 4. Garde-Regiment zu Fuß in Berlin. 1909 kehrte er ins Ministerium zurück. 1912 übernahm er als Major das III. Bataillon des 6. Thüringischen Infanterie-Regiments Nr. 95.  

Mit der Mobilmachung 1914 führte Selle sein Bataillon an die Westfront zur Belagerung Namurs, ehe das Regiment an die Ostfront verlegt wurde. Dort stieg er zum Oberstleutnant auf und übernahm im November 1914 nach dem Tod des Regimentschefs, Oberst von Berg, das Kommando über das 6. Thüringische IR 95. In der Schlacht um Łódź bewährte er sich ebenso wie 1916/17 bei Verdun und Arras. Im Juli 1917 wurde er Oberst. Für erfolgreiche Abwehrkämpfe bei Passchendaele im Dezember 1917 erhielt er im Januar 1918 den „Pour le Mérite“. Im Mai 1918 wurde er zum Kommandeur der 55. Infanterie-Brigade ernannt.

Nach dem Waffenstillstand führte Selle die Brigade in die Heimat zurück. Anfang 1919 übernahm er erneut sein früheres Regiment 95, wurde im Mai 1919 in die Vorläufige Reichswehr übernommen und als Kommandeur des Reichswehr-Infanterie-Regiments 21 in Erfurt eingesetzt. Von April bis Ende September 1920 kommandierte er die Festung Neiße. Danach war er für den Truppenübungsplatz Zossen vorgesehen. Anfang 1921 erfolgte die Beförderung zum Generalmajor, verbunden mit einer Kommandierung zur Heeresleitung in Berlin. Ende September 1921 trat er in den Ruhestand. Aus Anlass des „Tannenbergtags“ erhielt er 1939 den Rang eines Generalleutnants.  

Selles Name blieb besonders in Coburg präsent. Die dortige 95er-Kaserne trug seit Juni 1939 offiziell den Namen „General-von-Selle-Kaserne“. In Coburg verbrachte er auch seinen Lebensabend und verstarb dort 1947.  Privat war Selle mit Margot von Fassong verheiratet. Aus der Ehe gingen die Kinder Erika, Ingeborg und Gerd hervor. Sein Sohn Gerd fiel 1941 im Krieg.

Einordnend steht Fritz von Selle für einen Typus preußischer Berufsoffiziere, die zwischen Stabsverwendungen und Frontdienst pendelten und deren Karriere im wilhelminischen Heer begann, im Weltkrieg kulminierte und in der Reichswehr in generalstabsmäßige oder kommandierende Aufgaben mündete. Seine Vita zeigt die Durchlässigkeit zwischen Ministerialdienst und Truppenführung sowie die Kontinuitäten im Offizierskorps über die Systembrüche 1918/19 hinweg. Die an ihn verliehenen hohen Auszeichnungen verweisen zugleich auf die hohe Bedeutung, die der Regiments- und Gefechtsführung im Stellungskrieg beigemessen wurde.