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Stadt Coburg

Christian Reichenbecher (1894-1971)

Sozialdemokrat, NS-Opfer und Bürgermeister

Christian Reichenbecher war eine der prägenden sozialdemokratischen Persönlichkeiten Coburgs im 20. Jahrhundert. Geboren 1894 verbrachte er den größten Teil seines Lebens in Coburg. Über seine Kindheit und Ausbildung ist in den zugänglichen Quellen wenig überliefert. Sicher ist aber, dass er früh in die Arbeiterbewegung hineinwuchs und sich in der SPD und der Gewerkschaftsbewegung engagierte. In den 1920er-Jahren war er in der örtlichen Konsumgenossenschaft aktiv und gehörte dem Vorstand des Konsumvereins Coburg an, einer Organisation, die sich für eine bessere Versorgung der Arbeiterschaft einsetzte. 

Politisch machte Reichenbecher in der Weimarer Republik rasch Karriere. 1924 wurde er in den Coburger Stadtrat gewählt und entwickelte sich zu einer zentralen Figur der örtlichen SPD. Bald wurde zum SPD-Vorsitzenden in der Vestestadt gewählt. Sein Engagement galt der Stärkung der Demokratie und der sozialen Absicherung der arbeitenden Bevölkerung. Wie viele seiner Parteigenossen stand er dem republikanischen Schutzbund „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“ nahe und nahm an gewerkschaftlichen und politischen Tagungen teil, etwa in Berlin.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurde Reichenbecher zum Opfer systematischer Verfolgung. Am 10. März 1933 wurde er aufgrund seiner SPD-Zugehörigkeit verhaftet und zunächst auf die Polizeiwache gebracht. Offiziell sprach man zynisch von „Schutzhaft“. Wenige Tage später wurde er in die berüchtigte „Prügelstube“ verschleppt. Dort misshandelten ihn 15 bis 20 SS-Männer mit Peitschen und Tritten so schwer, dass er mehrfach das Bewusstsein verlor. Anschließend versuchte man, ihm eine angebliche Verschwörung gegen führende Nationalsozialisten anzulasten. Da er kein Geständnis ablegte, wurde er erneut geschlagen und mit Scheinerschießungen bedroht. Erst am 7. April 1933 kam er frei – gezwungen, eine eidesstattliche Erklärung zu unterschreiben, er sei während der Haft „bestens behandelt“ worden, und unter der Drohung, im Wiederholungsfall in das Konzentrationslager Dachau eingewiesen zu werden. Die nationalsozialistische Gewalt ließ ihn körperlich und seelisch gezeichnet zurück, doch er überlebte die Diktatur.

Nach 1945 beteiligte sich Reichenbecher am mühsamen demokratischen Neuanfang in Coburg. Er schloss sich erneut der SPD an und wurde 1952 wieder in den Stadtrat gewählt. In der Nachkriegszeit vertrat er konsequent sozialdemokratische Positionen, setzte sich für die Entnazifizierung, für demokratische Strukturen in Verwaltung und Gesellschaft und für die  Belange der einfachen Bevölkerung ein.

1956 wählte ihn der Stadtrat zum Zweiten Bürgermeister von Coburg, ein Amt, das er bis 1966 innehatte. Als stellvertretender Bürgermeister war er an vielen kommunalpolitischen Entscheidungen der Wirtschaftswunderjahre beteiligt – vom Ausbau der städtischen Infrastruktur über Fragen der Daseinsvorsorge bis hin zur Förderung des genossenschaftlichen und kommunalen Engagements. 

Reichenbechers Biografie verbindet auf eindrückliche Weise politische Überzeugung, Leidensgeschichte und beharrliche kommunale Arbeit. Er gehörte zu jener Generation von Sozialdemokraten, die in der Weimarer Republik für die Demokratie stritten, von den Nationalsozialisten verfolgt und misshandelt wurden und nach 1945 dennoch bereit waren, Verantwortung zu übernehmen. Christian Reichenbecher starb 1971 im Alter von 77 Jahren.

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