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Biographie
Ernst Altenstädter wurde am 24. Februar 1867 in Coburg geboren.[1] Sein Vater Wilhelm Dietrich Altenstädter (geboren 1819 in Neuses an der Eichen) war herzoglicher Kreisgerichtsbote beim Justizamt Coburg[2], seine Mutter Margaretha Barbara Altenstädter, geborene Trunzer (geboren 1828), verstarb 1873, als Ernst sechs Jahre alt war.[3] Über etwaige Geschwister ist nichts bekannt.
Jugend, beruflicher Lebensweg und Heirat
Altenstädter besuchte nach der Volksschule ab 1877 die Coburger Oberrealschule (heute: Gymnasium Ernestinum).[4] Nach dem Abschluss der schulischen Ausbildung trat er 1884 in den Verwaltungsdienst ein und erhielt eine Anstellung beim Coburger Landratsamt.[5] Seine weitere Laufbahn lässt sich über die noch vorhandenen Personalakten und den Verlautbarungen des Regierungsblattes nachvollziehen. Zunächst erlangte er die Position eines Amtssekretärs.[6] Dort war er mit dem Haushalt und dem Rechnungswesen beschäftigt. Im Zusammenhang mit einer Regelung durch den Landrat nahm Altenstädter zwischen Mai 1896 und April 1897 für etwa elf Monate kommissarisch die Aufgaben des Neustadter Bürgermeisters wahr.[7]
Während seiner Tätigkeit im Landratsamt heiratete Altenstädter am 5. Juni 1894 in Coburg Frieda Borneff. Sie war die Tochter des Zahntechnikers Heinrich Borneff und dessen Ehefrau Karoline, geborene Leitholf.[8] Sie wurde 1869 in der Vestestadt geboren.[9] Die Ehe blieb kinderlos.
Stadtkämmerer und Bürgermeister
Im Jahr 1898 bewarb sich Ernst Altenstädter erfolgreich um die Stelle des Coburger Stadtkämmerers.[10] Die Stelle war zunächst auf sechs Jahre befristet. Altenstädter trat am 1. Januar 1899 den Dienst an. Mit dem Amt des Stadtkämmerers waren nach den damaligen kommunalen Zuständigkeiten zentrale Aufgaben des Finanz- und Haushaltswesens verbunden. Mit dem Amt übernahm Altenstädter zudem Funktionen in städtischen Kommissionen, so in der Schlachthof-, Armen- und Spitalkommission.[11] Das zunächst befristete Dienstverhältnis wurde später verlängert. 1917 wurde es in ein dauerhaftes, auf Lebenszeit angelegtes Dienstverhältnis überführt.[12]
Im Jahr 1910 erhielt Altenstädter von Herzog Carl Eduard von Sachsen-Coburg und Gotha den Ehrentitel „Bürgermeister“.[13] Nach dem Ende der Monarchie 1918 sowie den staatlichen Neuordnungen, die für Coburg 1920 in einen grundlegenden politischen Wechsel mündeten, blieb Altenstädter in leitender Funktion innerhalb der Coburger Stadtverwaltung tätig. 1921 wurde er zum hauptamtlichen Bürgermeister gewählt. Mit der Übernahme dieses Amtes gab er die Stellung des Stadtkämmerers ab, war jedoch weiterhin für das Finanzreferat verantwortlich.[14]
Der Dienstvertrag von 1921 enthielt eine Klausel für den Fall, dass Ernst Altenstädter infolge politischer Ereignisse an der weiteren Amtsführung gehindert oder zum Rücktritt veranlasst würde. Darin wurde festgelegt: „Wird Herr Bürgermeister Altenstädter infolge politischer Ereignisse an der Weiterführung seines Amtes gehindert oder zum Rücktritt gezwungen, so sichert ihm die Stadtgemeinde Coburg die dauerhafte Erfüllung aller aus diesem Vertrage fließenden Rechte und Ansprüche zu.“[15] Der Passus ist als Absicherungsregelung gegen politische Risiken zu verstehen. Seine konkrete Bedeutung ergibt sich jedoch erst aus dem jeweiligen historischen Zusammenhang, in dem er gegebenenfalls zur Anwendung kam.
Während der Inflations- und Hyperinflationsphase bis 1923 war die Coburger Stadtverwaltung mit erheblichen finanziellen Belastungen konfrontiert. In dieser Zeit nahm Ernst Altenstädter im Rahmen seiner Zuständigkeiten im Finanzbereich Aufgaben wahr, die auf die Sicherung des städtischen Haushaltsvollzugs und die Begrenzung von Belastungen zielten.[16] Im Jahr 1923 beging er sein 25-jähriges Dienstjubiläum. Aus diesem Anlass sind Ansprachen und Würdigungen überliefert, auf die Altenstädter mit einer zurückhaltenden Stellungnahme reagierte: „So muss ich zunächst offen bekennen, dass mich ein Gefühl der Beschämung bewegt, weil ich mir nicht bewusst bin, so viel Ehrungen verdient zu haben. ‚Erkenne dich selbst‘ ist ein Grundsatz, den ich mir vor langen Jahren zu eigen gemacht habe und der mich bei einem Blick auf mich selbst immer wieder belehrt, dass das menschliche Können mit dem menschlichen Wollen nicht Schritt zu halten vermag.“[17]
Zeitgenössische Darstellungen und spätere Überlieferungen betonen, dass Altenstädter seine Amtsführung mit hoher zeitlicher Verfügbarkeit verband und Arbeitsaufgaben auch außerhalb des Rathauses fortführte. Dabei wird unter anderem berichtet, dass er Akten mit nach Hause nahm und sich auch Anliegen von Bürgern anhörte, die nicht in seinen unmittelbaren Zuständigkeitsbereich fielen.[18]
Für die späten 1920er Jahre finden sich Hinweise auf gesundheitliche Beeinträchtigungen. Ab 1928 werden in den ärztlichen Stellungnahmen wiederholt Symptome von Erschöpfung bzw. körperlicher Schwächung erwähnt.[19] Sie wurden in Zusammenhang mit der enormen Arbeitsbelastung Altenstädters gesehen.
Neben seinen städtischen Ämtern war Altenstädter in Coburger Vereinen aktiv. 1897 übernahm er Funktionen im Stenografenverein (Vorsitz)[20] und in der Harmoniegesellschaft (Schatzmeister).[21] Bei der Harmoniegesellschaft handelte es sich um eine Mischung aus Musikverein, Lese- und Gesprächskreis, Gesellschaftsclub und Bildungsverein. Im Jahr 1898 wurde Altenstädter zum Schriftführer der Coburger Turngenossenschaft gewählt.[22] Darüber hinaus ist seine Mitgliedschaft im Fremdenverkehrsverein, in der Freimaurerloge „Ernst für Wahrheit, Freundschaft und Recht“ sowie in der Schülerverbindung Ernestina überliefert.[23]
Nationalsozialismus
Als die NSDAP bei den Coburger Stadtratswahlen am 23. Juni 1929 die absolute Mehrheit errang, veränderten sich die Mehrheitsverhältnisse in der städtischen Politik deutlich. In der Folge kam es im Stadtrat und in den zuständigen Gremien wiederholt zu Konflikten über Verfahrensfragen und Zuständigkeiten. Betroffen waren auch Altenstädter und sein Bürgermeisterkollege Erich Unverfähr (Öffnet in einem neuen Tab), deren Mitwirkungs- und Stimmrechte in den politischen Verfahren weiterhin Bedeutung hatten.
Aus den Akten geht hervor, dass Altenstädter in den Jahren zuvor in politischen Auseinandersetzungen mit örtlichen Nationalsozialisten gestanden hatte. Er befürwortete im Jahr 1929 die Entlassung des Coburger NSDAP-Führers Franz Schwede aus den Städtischen Werken und unternahm zusammen mit anderen Beamten den letztlich erfolglosen Versuch im Jahr 1922, den Marsch Hitlers und seiner SA-Männer durch die Coburger Innenstadt anlässlich des III. Deutschen Tages zu untersagen.[24] Vor diesem Hintergrund wird für die Zeit nach der Wahl 1929 von einer Zuspitzung des Konflikts zwischen Altenstädter und den Nationalsozialisten berichtet.
Die Nationalsozialisten gingen von da an rücksichtslos gegen Altenstädter vor. Sie nutzten seine angegriffene Gesundheit, indem sie Sitzungen, die er als Finanzreferent zu leiten hatte, immer wieder vertagten und seinen dringend benötigten Urlaub hinauszögerten, bis er die politischen Treffen aus Erschöpfung nicht mehr abhalten. konnte. Diese Zermürbungsstrategie zielte darauf ab, Altenstädter körperlich und psychisch zu schwächen, was schließlich dazu führte, dass er die Leitung der Sitzungen an NS-Führer Schwede abtreten musste.[25] Gleichzeitig versuchten die Nationalsozialisten, seinen Ruf zu beschädigen, indem sie ihm eine „unsaubere Wirtschaft“ vorwarfen.[26] Zudem stellte die NSDAP seine psychische Überlastung als Zeichen von Schwäche dar, die in ihren Augen dem Ideal des aufopferungsvollen Dienstes am Volk widersprach.[27]
Ab Januar 1930 meldete sich Altenstädter krank.[28] In der Folge blieb er über einen längeren Zeitraum im Krankenstand und kehrte nicht mehr in seine Funktionen zurück. Nach etwa einem Jahr beantragte er, zum 31. März 1931 in den Ruhestand versetzt zu werden.[29] Zu seinem Ausscheiden fand eine städtische Abschiedsveranstaltung statt, bei der Franz Schwede, inzwischen zum Bürgermeister gewählt, Altenstädters Tätigkeit würdigte. Altenstädter nahm an dieser Feier nicht teil.[30]
Tod
Ab Januar 1930 verschlechterte sich Altenstädter gesundheitlicher Zustand zusehends. Die ärztlichen Berichte verweisen auf körperliche Beschwerden, darunter Herzprobleme, sowie auf weitere gesundheitliche Beeinträchtigungen. Im April 1932 starb seine Ehefrau Frieda.[31]
In der weiteren Hoffnung auf medizinische Besserung begab sich Altenstädter in die Universitätsklinik Erlangen. Dort starb er am 28. Februar 1933 im Alter von 66 Jahren.[32] Sein Leichnam wurde nach Coburg überführt und auf dem Glockenbergfriedhof beigesetzt.[33]
Quellen- und Literaturverzeichnis
[1] Stadtarchiv Coburg, Einwohnermeldekartei, Altenstädter, Ernst und Frieda.
[2] Coburger Zeitung vom 26.06.1902; Staatsarchiv Coburg, Ältere Justizbehörden, 360 und 361.
[3] Regierungs-Blatt für das Herzogthum Coburg vom 05.07.1873, S. 368.
[4] Programm der Herzoglichen Ernestinum (Realschule) zu Coburg womit zu der am Donnerstag, den 11. Und Freitag, den 12. April, jedes Mal Vormittags 9 Uhr stattfindenden öffentlichen Prüfung und zur Schlußfeier, Dienstag den 16. April Nachmittags 2 Uhr, Coburg 1878, S. 31.
[5] Staatsarchiv Coburg, Min F 594.
[6] Regierungs-Blatt für das Herzogthum Coburg vom 30.12.1896, S. 707.
[7] Stadtarchiv Coburg, A 8003, unfol., Personalbogen Ernst Altenstädter.
[8] Regierungs-Blatt für das Herzogthum Coburg vom 16.06.1894, S. 352.
[9] Stadtarchiv Coburg, Einwohnermeldekartei, Altenstädter, Ernst und Frieda.
[10] Stadtarchiv Coburg, A 8003, fol. 5f., Personalakte Ernst Altenstädter.
[11] Stadtarchiv Coburg, A 8003, fol. 93, 102, Personalakte Ernst Altenstädter.
[12] Stadtarchiv Coburg, A 8003, fol. 173, Personalakte Ernst Altenstädter.
[13] Regierungs-Blatt für das Herzogtum Coburg vom 20.07.1910, S. 269.
[14] Stadtarchiv Coburg, A 8003, fol. 191f., Dienstvertrag Ernst Altenstädter, Coburg, 27.12.1921.
[15] Ebd.
[16] Ernst Eckerlein, Zwei fast vergessene Bürgermeister, in: ebd., Coburger Heimat, Bd. VII, Coburg 1986, S. 61.
[17] Zitiert nach Coburger Tageblatt vom 04.01.1924.
[18] Coburger Tageblatt vom 02.03.1933.
[19] Stadtarchiv Coburg, A 8003, fol. 249, Personalakte Ernst Altenstädter.
[20] Correspondenzblatt des Königl. Stenographischen Instituts zu Dresden, Ausgabe Mai 1897, S. 63.
[21] Coburger Zeitung vom 31.03.1897.
[22] Coburger Zeitung vom 16.04.1898.
[23] Stadtarchiv Coburg, A 8003, fol. 264, Personalakte Ernst Altenstädter.
[24] Eva Karl, „Coburg voran!“ Mechanismen der Macht – Herrschen und Leben in der „ersten nationalsozialistischen Stadt Deutschlands“, Regensburg, 2025, S. 114, 166.
[25] Karl, Coburg voran!, S. 166.
[26] Eckerlein, Bürgermeister, S. 61.
[27] Karl, Coburg voran!, S. 332.
[28] Stadtarchiv Coburg, A 8003, fol. 226, Personalakte Ernst Altenstädter.
[29] Stadtarchiv Coburg, A 8003, fol. 247f., Personalakte Ernst Altenstädter.
[30] Stadtarchiv Coburg, A 8003, fol. 253, 255, Personalakte Ernst Altenstädter.
[31] Coburger Zeitung vom 09.04.1932.
[32] Coburger Tageblatt vom 02.03.1933.
[33] Stadtarchiv Coburg, A 8003, fol. 263, Personalakte Ernst Altenstädter.
Patenschaft
Die Patenschaft über den Stolperstein von Ernst Altenstädter haben Oberbürgermeister Dominik Sauerteig sowie die Bürgermeister Hans-Herbert Hartan und Can Aydin übernommen.
