Daheim von Dagmar Schiller

Daheim von Dagmar Schiller

Dagmar Schiller, Mitglied der Schreibwerkstatt der vhs, vorgetragen im Rahmen von StadtLesen auf dem Albertsplatz am 31.05.2014

 

Gegenüber der Bahnhof, behäbig liegt er da, er wirkt ein bisschen schäbig. Der Autoverkehr wird durch Fußgängerampeln und eine langgestreckte Insel auf jeweils eine Spur verlangsamt. Nur bei Grün der Kinder wegen erfordert hier wirklich Geduld.

Eine etwas exotisch anmutende Gruppe wartete brav. Die junge Frau, wohl Ende 20, dunkle Brille, High heels, die Basebalkappe schräg platziert, griff nach ihrem linken Schuh, begutachtete den Absatz und murmelte: „Der ist hin, Sch...Kopfsteinpflaster!“ Sie wandte sich an ihren Begleiter, der eine schwere Kamera mit BR -Logo geschultert hatte. „Wir müssen! Unser Take sollte schon längst im Kasten sein.“

„Wir müssen was? Die Oberbayern, die haben es einfach, die stellen sich irgendwohin, irgendwo ist der Himmel weiß-blau, irgendwo ist keine Überlandleitung im Bild, und Berge gibt es auch zu sehen. Es muhen sanfte Kühe mit großen Augen und langen Wimpern. Und dann verkündet ein Naturbursche, rot-weiß-kariert, in Lederhosen: I bin der Sepp, un do bin i dahoam.“

Weil der nörglerische nicht Ton zu überhören war, ließ die junge Frau von ihrem Schuh ab und lächelte verständnisvoll: „Thomas!“ Doch der Angesprochene war nicht zu bremsen. „Aber Coburg! Herzogtum Coburg! Ehemalige Hoflieferanten zu Hauf, Handelskammer zu! Brauhaus zu! Coburg. Werte und Wandel, wuw!. Ältere Damen mit Handschuhen! Events mit Witwen! Ich habe zu lange hier gelebt. Coburg! Was soll dieses Heimatgesäusel?“

„Thomas,“ meinte die Absatzgeschädigte beschwichtigend mit einem verzweifelten Blick zu dem Dritten im Bunde, der eine Mikrofonstange balancierte. „Es ist doch nicht nur der BR, der auf dieser Schiene fährt, auch die anderen Dritten machen das. Dieses Irgendwo-Verwurzelt sein lässt sich selbst die Werbung nicht entgehen, die Raiffeisen weiß doch, wofür sie ihr Geld ausgibt. Im BR laufen doch schon welche von Coburg mit den Garden und den Meisterschaften und Veitshöchheim.

„Und was soll ich dann jetzt noch, Frau Produzentin?“, seine Stimme überschlug sich fast.

„Du bist zu Höherem berufen! Du sollst Coburg zeigen, wie es wirklich ist, real eben, authentisch und global, ohne ICE, ohne die Zus, die Vons, die Hofs und die Depps, die Garden, Samba, die...“

„ Meine Beste, ich bin Kameramann! Licht, Blende, Photoshop!“

„Gerade deshalb bist du ja so authentisch! Authentizität, das ist es, was fehlt!“

„Geht`s noch?“

„Wir erfüllen ein Bedürfnis, das Bedürfnis nach Heimat. Wenn sich jemand daheim fühlt, hat er das Bedürfnis wohl eher weniger, wenn er sich aber daheim eher unwohl fühlt, hat er ein Bedürfnis.

Eben das Bedürfnis nach Heimat, nach was sonst? Und das muss vermittelt werden, medial,

verstehst du? Der Kameramann verdrehte die Augen.

„Du sollst mit deinen Bildern deutlich machen, dass Heimat überall ist, wo man sich wohl fühlt, aber auch , wo man sich nicht wohl fühlt, kann Heimat werden, wo Heimat war, kann sie verloren gehen, neue Heimat könnte die alte ersetzen, sollte sie aber nicht, wenn sich die neue überfordert fühlt. Ja es geht um Fühlen, um Feelings, verstehst du? Gerade in unserer globalisierten Welt haben die Menschen doch Gefühle und Bedürfnisse, Sinnsuche, Suche nach Identität, nach Identifikationsmöglichkeiten, eben Heimat, verstehst du?

Ach, eigentlich sollst du nur deinen Job machen, die Kamera in die Hand nehmen, der Tonmann sollte sein Puschel dekorativ platzieren und dann ein bisschen Photoshop.“

„Hier?! Spinnst du jetzt total, ich sehe hier nur Bahnhof! Ich bin doch ein Coburger, der braucht den Vesteblick!“

Nicht nur der kaputte Schuh, beide Schuhe und die Baseballkappe flogen in Richtung Ampel. „ Das ist´s! Du sagst es!“, kreischte die Produzentin und sprang barfuß auf Thomas zu, „gib mir die Kamera! Moment!“ Sie positionierte Thomas ein paar Schritte weiter Richtung Huk-Gebäude, lief zurück , richtete das Objektiv auf ihn und „ Mikro! Und Take!“

 

„Ich bin der Thomas, wenn ich die Veste sehe, bin ich daheim.“


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