100 Jahre Coburg in Bayern

Coburg wird bayerisch

 


Willkommenstelegramm.
Quelle: StACo, MIN Z 33.

Am 24. April 1920 begrüßte der bayerische Ministerpräsident Gustav von Kahr offiziell mit einem Telegramm die neuen bayerischen Landsleute aus Coburg: „Vernehme soeben mit großer Freude, dass Vereinigung Coburgs mit Bayern durch Nationalversammlung heute beschlossen wurde. Namens der bayerischen Regierung allen Coburger Mitbürgern herzlichen Willkommensgruß.“² Wenige Monate zuvor, am 30. November 1919, hatten die Coburger*innen in einer freien Volksabstimmung mit einer überwältigenden Mehrheit einen Beitritt Coburgs zum Land Thüringen abgelehnt und damit den Weg nach Bayern freigemacht. In den anschließenden Verhandlungen einigten sich die Unterhändler aus Coburg und Bayern auf die Eckpunkte einer staatsrechtlichen Vereinigung der beiden Länder. Am 14. Februar 1920 wurde der Staatsvertrag über den Beitritt Coburgs zum Freistaat Bayern  unterzeichnet. Nach der Zustimmung der beiden Landesparlamente sowie der deutschen Nationalversammlung wurde am 30. April 1920 das erforderliche Reichsgesetz „betreffend die Vereinigung Coburgs mit Bayern“ ausgefertigt und verkündet. Anschlusstermin war der 1. Juli 1920. An diesem Tag, einem Donnerstag, gingen die staatlichen Befugnisse Coburgs – Staatsgebiet, Staatsvolk, Staatsgewalt – ohne Ausnahme auf den Freistaat Bayern über.

 

 

Reichsgesetzblatt
Quelle: Saatsarchiv Coburg.

Kaum ein anderer Staatsakt ist sowohl in der Sicht der Zeitgenossen als auch in der Geschichtsforschung derart positiv bewertet worden, wie der Übergang Coburgs an Bayern. Für die Lösung des Coburger Ländchens aus den jahrhundertealten Bindungen zu Thüringen und den Schulterschluss mit Bayern wurde den Coburger Entscheidern große staatspolitische Weitsicht und Mut bescheinigt. Insbesondere nach 1945, als Deutschland vom Eisernen Vorhang in zwei Teile geteilt wurde, wurde die ganze Tragweite der Entscheidung von 1920 offenkundig. Durch den Beitritt zu Bayern befand man sich nun in der amerikanischen Besatzungszone und damit in der westlichen Welt, während der Rest Thüringens für viele Jahrzehnte hinter der innerdeutschen Grenze verschwand. Nicht zuletzt diente der Anschluss Coburgs an Bayern als ein Lehrstück der Demokratie, weil er eben nicht in geheimen Zirkeln oder den Hinterzimmern der Mächtigen ausgehandelt worden war, sondern auf der freien selbstbestimmten Entscheidung einer allgemeinen Volksabstimmung beruhte.

 

Freilich gaukelt die rundweg positive Bewertung der Ereignisse eine gewisse Folgerichtigkeit vor und verstellt den Blick für die Unwägbarkeiten jener Zeit, für die überraschenden Wendungen, die von den Zeitgenossen weder geplant noch vorausgesehen werden konnten. Dies gilt auch für die Anschlussbestrebungen Coburgs an Bayern. An dem Tag, als die Monarchie in Coburg endete, muss den Verantwortlichen in Coburg klar geworden sein, dass Coburg alleine keine Überlebenschance haben würde. Man musste sich einem größeren Staat anschließen, unklar war, welchem. Die Idee, sich an Bayern anzuschließen, kam schon in den grauen Novembertagen 1918 auf, blieb aber vorläufig ohne Durchschlagskraft. Die bayerische Regierung unter Ministerpräsident Kurt Eisner war zwar Gesprächen nicht abgeneigt, wartete aber auf eine offizielle Anfrage aus Coburg. Genau damit wollte sich indes niemand aus der Deckung wagen, denn der Anschluss an Thüringen schien zunächst die logische Konsequenz der staatlichen Entwicklung zu sein. Das blieb die offizielle Linie im Frühjahr 1919: offizielle Gespräche in Weimar über einen thüringischen Gemeinschaftsvertrag, geheime Sondierungen des Staatsrats bei den Honoratioren der Vestestadt, was man über einen möglichen Anschluss an Bayern denke. Im Sommer 1919 kulminierten diese Entwicklungen. In Weimar lag der thüringische Gemeinschaftsvertrag zur Unterschrift bereit, ohne dass Coburg darin bedeutende Zugeständnisse erhalten hätte. Dagegen hatte ein Treffen zwischen Coburger Vertretern und Ministern der bayerischen Staatsregierung in Bamberg großes Entgegenkommen der bayerischen Seite ergeben. Praktisch der gesamte Coburger Forderungskatalog war von den Bayern ohne Umschweife angenommen worden.


Mit einem Schlag war den Mitgliedern der Coburger Staatsregierung klar geworden, dass es viel mehr Vorteile böte, sich Bayern anzuschließen als Thüringen. Aber genau dorthin war die bisherige Entwicklung gegangen. Wie sollte man das Ruder umwerfen? Die Antwort fiel den Mitgliedern des Rechts- und Staatsausschusses im Juni 1919 ein, als sie über den thüringischen Gemeinschaftsvertrag zu entscheiden hatten. Eine solch weitreichende Entscheidung, so lautete ihre Beschlussempfehlung an den Coburger Landtag, könne nicht von der Staatsregierung allein, sondern müsse in einer  Abstimmung durch das gesamte Volk getroffen werden. Die Idee der Volksabstimmung war geboren. Der Landtag folgte diesem Vorschlag und setzte die Volksabstimmung für den 30. November 1919 an. Damit war die Entscheidung vertagt, wertvolle Zeit gewonnen. Nun galt es, dafür zu sorgen, dass das Ergebnis der Volksabstimmung in die richtige Richtung wies. Schon am 1. Juli 1919 schrieb das Coburger Staatsministerium nach München und bat um die Übersendung von pro-bayerischem Propagandamaterial. Gleichzeitig wurde pro-thüringische Propaganda mit der Begründung untersagt, im Vorfeld der Volksabstimmung seien jegliche Agitationsmaßnahmen „untunlich“. Der Erfolg blieb nicht aus. In Coburg setzte sich die Meinung fest, dass Thüringen alle Zugeständnisse an Coburg zurückgewiesen habe, während man Bayern zutraute, die Versorgung mit Lebensmitteln sicherzustellen. So war der Ausgang keine Überraschung mehr. Am 30. November 1919 lehnten
26.102 Bürgerinnen und Bürger den Anschluss an Thüringen ab, das waren fast 90 % der Befragten. Lediglich 3466 Personen stimmten für Thüringen. Damit war der Beitritt Coburgs zum neu gebildeten Land Thüringen definitiv vom Tisch. Gleichzeitig wurde nun das gesamte Kalkül, das hinter der Volksabstimmung steckte, offenbar.

 

Staatsvertrag Seite 1  Staatsvertrag letzte Seite
Erste und letzte Seite des Staatsvertrags über den Beitritt Coburgs.
Quelle: Staatsarchiv Coburg, Urk. LA F 570

Während man vor dem Plebiszit in Coburg verlautbaren ließ, ein „Nein“ zu Thüringen bedeute nicht automatisch eine Entscheidung für Bayern, so lautete nun die offizielle Interpretation des Ergebnisses, die Ablehnung der thüringischen Union wäre implizit eine Zustimmung der Coburger*innen zur Vereinigung mit Bayern. Jetzt erst erfuhr die Bevölkerung, wie weit die Gespräche mit Bayern schon gediehen waren. Denn parallel zum Wahlkampf hatten Coburger und bayerische Vertreter hinter den Kulissen bereits die Eckpunkte für eine Vereinigung der beiden Freistaaten festgezurrt. Zu einer ersten Sondierungsrunde waren Coburger und Bayern am 12. Juni 1919 in Bamberg, wo die Staatsregierung im Exil weilte, zusammengekommen. Der ausufernde Forderungskatalog, den die Coburger eher im Stile eines orientalischen Basars als einer diplomatischen Verhandlung den Bayern präsentierten, wurde von der Gegenseite praktisch ohne Abstriche angenommen. Die Coburger konnten ihr Glück kaum fassen. In den folgenden Besprechungen auf Referentenebene wurden diese Punkte im Detail ausgearbeitet. Im November 1919, als die Volksabstimmung anlief, hatte man sich praktisch auf ein Verhandlungspaket verständigt. Demnach würde der Freistaat Coburg aufgelöst und vollständig dem Freistaat Bayern einverleibt. Für diesen Schritt erhielt Coburg eine Reihe von Vergünstigungen, darunter die Verbesserung der verkehrstechnischen und versorgungspolitischen Lage, Erhalt von Handelskammer und Handwerkskammer, Schaffung eines eigenen Landgerichts, Übernahme der höheren Schulen sowie Erhalt der Coburger Landesstiftung und des Landestheaters. Mit dem Votum des Volkes im Rücken konnte man die Verhandlungsergebnisse mit Bayern präsentieren und als politische Marschrichtung ausgeben. Die letzten Schritte bis zum Staatsvertrag verliefen problemlos. Nach den abschließenden Verhandlungen in München im Februar 1920 wurde der Staatsvertrag am 14. Februar 1920 unterschrieben. Am 11. März 1920 stimmte der bayerische Landtag dem Vertrag zu, am 18. März erfolgte die Zustimmung des Coburger Landtags. Nun fehlte nur noch die Zustimmung der Reichsregierung. Am 23. April 1920 wurde das Reichsgesetz „betreffend die Vereinigung Coburgs mit Bayern“ beschlossen, und nochmals einige Wochen später, am 21. Juni 1920, bestimmte eine Verordnung des Reichspräsidenten den 1. Juli 1920 als Termin für die Vereinigung. 

 


Am Vorabend der Vereinigung trat die Coburger Landesversammlung zu ihrer letzten Sitzung zusammen. In feierlicher Runde hielt der Landtagspräsident eine Gedenkrede, die mit den Worten endete: „Der Freistaat Coburg hat zu existieren aufgehört – es lebe Bayern!“³
Mit der Entscheidung für Bayern trat Coburg in ein gänzlich neues Kapitel seiner Geschichte ein. Nach vielen hundert Jahren der Zugehörigkeit zum wettinischen Macht- und Kulturbereich und vielen Jahren der politischen Eigenständigkeit musste sich Coburg nun in einem neuen Staatswesen, zumal in einem katholisch geprägten, als Provinzstadt zurechtfinden.

² Telegramm des Ministerpräsidenten Gustav von Kahr, 24.4.1920, Staatsarchiv Coburg,
³ Zitiert nach Rainer Hambrecht (Bearb.), „Nicht durch Krieg, Kauf oder Erbschaft“.
Ausstellung des Staatsarchivs Coburg anläßlich der 75. Wiederkehr der Vereinigung Coburgs mit Bayern am 1. Juli 1920 (Ausstellungskataloge der Staatlichen Archive Bayerns 34), München 1995, S. 185.

Literatur: Hambrecht, Nicht durch Krieg, Kauf oder Erbschaft. – Erdmann, Coburg,
Bayern und das Reich. – Ott, Per Referendum nach Bayern.


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