Einblicke in die Museumsarbeit & Puppenthemen

Irina aus der Sowjetunion - die Biografie einer Teepuppe

Irina aus der Sowjetunion - die Biografie einer Teepuppe

"Hallo, ich heiße Irina und bin wahrscheinlich 1967 in der Sowjetunion zur Welt gekommen. Ganz genau lässt sich mein Geburtsdatum nicht mehr feststellen. Für Puppen wie mich gibt es ja keine Geburtsurkunden. Auf jeden Fall hat mich Frau Dr. Natalie Reber zwischen November 1967 und November 1968 entdeckt und mich zu sich genommen.

Frau Dr. Reber wurde 1934 in Leningrad - heute St. Petersburg - geboren. Im Alter von 4 Jahren ist sie mit ihren Eltern in die Schweizer Heimat ihres Großvaters ausgewandert. Im November 1967 kam sie wieder in die Sowjetunion und arbeitete bis November 1968 in der Schweizer Botschaft in Moskau.

Als ich dann bei Natalie Reber wohnte, habe ich ihr mit meinem dicken, weiten Rock Essen und Getränke warm gehalten. Wir "Teepuppen" hielten in der Sowjetunion nämlich nicht nur Getränke warm, sondern auch Speisen in Töpfen und Schüsseln. Natalie war wohlö sehr zufrieden mit mir, denn sie hat mich bei ihrer Rückkehr von Moskau nach Bern mitgenommen. Dort habe ich dann weiterhin alles warm gehalten, was warm gehalten werden sollte, und unter meinen Rock passte.

Bis 2019 bin ich bei Frau Dr. Reber geblieben, habe auch die Umzüge nach Marburg und nach München miterlebt. Wir Teepuppen sind ja, wie der Samowar und gelackte, mit Miniaturen verzierte Holzschachteln, ein Teil der russischen Kultur. Auch heute gibt es noch russische Teepuppen zu kaufen. Sie sind jetzt sehr viel prunkvoller als wir in der Sowjetunion waren. In der Sowjetunion waren die Verhältnisse ja allgemein viel bescheidener als in Russland heutzutage.

Frau Dr. Reber hat mich Ende 2019 an Renate Kanzliwius weitergegeben. Diese hat nämlich ein Faible für Puppen. Bei ihr musste ich nichts mehr warm halten. Ich saß mal auf dem Tisch, mal auf dem Stuhl oder auch auf dem Sofa, schaute Renate Kanzliwius zu und genoss das Leben als Rentnerin.

Auf Dauer sind jedoch ständige Platzwechsel für eine Seniorin recht mühsam. Ich freue mich nun über die Aufnahme in das Coburger Puppenmuseum. Dort ist es wohl etwas ruhiger. Auch Natalie Reber hat sich gefreut, dass ich nun eine neue Heimat bekommen werde.

Damit ich wieder anständig aussehe, wie es sich für eine sowjetische Teepuppe gehört, hat mir Renate Kanzliwius sogar ein Kopftuch spendiert. Bei den vielen Umzügen ist nämlich mein Kopftuch verlorengegangen. Die Ärmel sind auch etwas in Mitleidenschaft gezogen worden. Renate Kanzliwius hat deshalb in meinen Rock ein bisschen Stoff für die Reparatur gelegt.

Den Namen Irina habe ich von Renate Kanzliwius bekommen, weil ich eine friedliche Botschafterin meines Herkunftslandes bin. Dabei bin ich ja eigentlich staatenlos, weil die Sowjetunion nicht mehr existiert."

München, den 01. Februar 2021, verfasst von Renate Kanzliwius


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