Einblicke in die Museumsarbeit & Puppenthemen

Führung Männer als Puppenmacher Puppen von Andreas Voit, erster Puppenfabrikant in der Region um 1820

Männer als Puppenmacher

Folgende Situation an der Museumskasse erleben wir relativ häufig: 

Ein Ehepaar betritt das Museum und der Mann fragt: "Wie lange dauert es denn? Wann soll ich meine Frau wieder abholen? Ich gehe solange einen Kaffee trinken." - Sind Puppen also nur ein Thema für Frauen?

Mitnichten! Denn sehr viele von Sammler/innen hoch geschätzte Puppen wurden von männlichen Modelleuren entworfen und zumeist äußerst liebevoll gestaltet. Sie alle haben die Puppen oftmals ein ganzes Arbeitsleben lang begleitet und beschäftigt.

Deshalb haben wir zu diesem Thema vor ein paar Jahren einen Spezialführung ausgearbeitet, den wir Ihnen in einer gekürzten Fassung nun digital nahe bringen wollen.

Bilder der jeweiligen Puppen finden Sie mit einer Kurzbeschreibung oben in der Galerie. 

 

Andreas Voit (* 1774 in Eisfeld + 1837 in Hildburghausen) - Gründer der ersten Puppenmanufaktur in der Region

Er gilt als der erste bekannte Puppenmacher in der Region Thüringer Wald/ Coburger Land. Nach der Ausbildung als Porzellanmaler in der Manufaktur Kloster Veilsdorf gründete er eine Fayence-Fabrik in Altenburg und eine Spielkartenfabrik in (Bad) Rodach. Letztere verlegte er 1806 nach Eisfeld und erweiterte sein Angebot an Papiermachéartikeln. Ab 1816 ist auch von Puppenköpfen die Rede. 1822 zog die Puppenmanufaktur nach Hildburghausen um. Der Betrieb bestand bis 1882.

 

Emile Jumeau - Erfinder der "Kindergesicht-Puppe" und "Roi de Poupées" ("Puppenkönig")

Bis ins letzte Viertel des 19. Jh. waren die Puppen sehr damenhaft gestaltet. Mit seinem "Bébé incassable" ("unzerbrechliches Kind") revolutioniert der Pariser Emile Jumeau im Jahr 1876 den Puppenmarkt. Seine Puppen besaßen ein rundes Kindergesicht mit übergroßen Augen sowie einen kindlich proportionierten Holzgliederkörper. Mit Rüschenkleidchen aufgeputzt und einem Kopf aus Biskuitporzellan blieben sie trotzdem zerbrechliche Luxusgeschöpfe.Dennoch fanden seine Puppen großen Anklang, so dass er sich auf dem Höhepunkt seines Erfolgs 1894 selbstbewusst "Roi de Poupées" ("Puppenkönig") nannte.

 

Armand Marseille (* 1856 in St. Petersburg + 1925 in Coburg) - weltgrößer Hersteller von Biskuitporzellanpuppen

Der Sohn einer Hugenottenfamilie wuchs in St. Petersburg auf und kam Anfang der 1880er Jahre mit seinen fünf Schwestern nach Coburg. 1884 kaufte er eine Spielwarenfabrik in Sonnberg und 1885 eine Porzellanfabrik in Köppeldorf. Ab 1890 produzierte er v.a. Biskuitporzellanköpfe, 1893 bereits mit 200 Mitarbeitern. Seine Erfolgs-Modelle Nr. 370 und 390 sind die am häufigsten aufzufindenden Puppenköpfe aus Biskuitporzellan und wurden vermutlich millionenfach produziert. Die Puppe "My Dreambaby" von 1925 war bis zur Baby Born die meistverkaufte Babypuppe aller Zeiten. Modelliert hatte sie Max Bauersachs, ein Absolvent der Industrieschule Sonneberg, der der Modellierstube von Armand Marseille 50 Jahre lang vorstand.

 

Paul Vogelsanger (* 1882) - der Mann hinter Marion Kaulitz

Die ersten Charakterpuppen, die 1908 in München präsentiert wurden, waren ein Meilenstein in der Entwicklung der Spielpuppe. Dieser wird gemeinhin der Illustratorin Marion Kaulitz zugeschrieben. Sie hatte die Idee und fertigte die Entwürfe für Puppen, die nicht nur Kindergesichter- und körper besaßen, sondern auch so gekleidet waren wie Kinder auf der Straße oder auf dem Land. Ausgeführt aber haben ihre Ideen die Modelleure bzw. Bildhauer Josef Wackerle und Paul Vogelsanger sowie Marie Marc-Schnür.

 

Prof. Arthur Lewin-Funcke (*1866 in Niedersedlitz/ Dresden + 1937 in Berlin) - der verkappte Puppendesigner

Er war vor allem ein erfolgreicher Bildhauer mit eigenem Studienatelier in Berlin, ein Zeitgenosse von Max Kruse, und wollte Zeit seines Lebens nicht mit den von ihm entworfenen Puppen in Zusammenhang gebracht werden. Deshalb war lange nicht bekannt, dass er für die ebenfalls erfolgreiche Puppenfabrik Kämmer & Reinhardt in Waltershausen von 1909 bis 1911 Puppenköpfe entwarf. Es handelt sich dabei um die schönsten und wertvollsten Charakterpuppen, die bis heute noch fünfstellige Werte auf Auktionen erzielen. Als Vorbilder dienten ihm seine eigenen Kinder, Nichten und Neffen, wodurch die Puppen einen besonders lebensnahen Ausdruck erhielten.

 

Franz Robert Döbrich (* 1891 + 1942) - Modelleur der "Schildkröt-Kinder"

Die "Rheinische Gummi und Celluloid-Fabrik Mannheim-Neckarau", besser bekannt als "Schildkröt", experimentierte ab 1895 mit Celluloid als neuem Material für Puppen. Zunächst nutzte man dafür Formen, die eigentlich für den Werkstoff Porzellan modelliert waren. In Celluloid ausgeführt, besaßen die Puppen jedoch weniger Charme. 1920 stellte die Firma Schildkröt daher den Modelleur Franz Robert Döbrich fest an, der ebenfalls an der Industrieschule in Sonneberg ausgebildet wurde. Seine liebenswerten "Schildkröt-Kinder" machten ihn zum erfolgreichsten Modelleur der Zeit und den Namen "Schildkröt" mit millionenfachen Verkäufen in alle Welt bekannt.

 

Reinhard Beuthien und Max Weißbrodt - Schöpfer der "Bild-Lilli" und damit indirekt der Barbiepuppe

Die Bild-Lilli hat ihre Existenz ebenfalls zwei Männern zu verdanken. Der Zeichner Roland Beuthien entwarf sie als 1952 als Comicpuppe für die Bild-Zeitung. Von 1953 bis 1958 setzte sie der Modelleur Max Weißbrodt in der Firma Hausser in Neustadt bei Coburg als Ankleidepuppe dreidimensional um. Beiden gelang es, eine  moderne, selbstbewusste Frau der 1950er Jahre darzustellen, leicht zu überzeichnen und damit ein Gegenbild zur damals gängigen Werbung der Hausfrau mit Schürze am Herd zu schaffen. Als "Partypuppe" für Erwachsene konzipiert - man sollte sie bei einer Einladung statt Blumen oder Wein mitbringen - war ihr jedoch kein sehr großer Erfolg beschert. Trotzdem lebt sie bis heute in Gestalt der Barbiepuppe des amerikanischen Konzerns Matell weiter, der sie seit 1959 in alle Welt brachte und mit der Umwidmung als Kinderspielpuppe große Erfolge erzielte.

 

 

 


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