Berühmte Coburger

Friedrich Rückert

 

 

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Dichter u. Orientalist

 

Text: Norbert Klüglein
Bildnachweis: Stadtarchiv Coburg

Er ist Franke mit Leib und Seele und macht keinen Hehl daraus, dass er lieber im verträumten Neuses als im weltstädtischen Berlin lebt. Trotz dieser biedermeierlichen Bodenständigkeit gelingt es ihm wie keinem anderen, tief in die Sprachwelt fernöstlicher Kulturen einzudringen.  

Der Orientalist Friedrich Rückert gilt bis heute als genialster Übersetzer arabischer, persischer und chinesischer Schriften. Er überträgt nicht bloß die worte von der einen in die andere Sprache, sondern schafft es, die Seele der Verse am Leben zu erhalten. Und das gelingt nur, weil Rückert mehr ist als ein begabter Sprachforscher. Er vereint wissenschaftliche Präzision mit dichterischer Ausdrucksstärke und schlägt so eine Brücke zwischen Orient und Okzident.

Geboren wird Friedrich Rückert am 16. Mai 1788 in Schweinfurt. Seine Jugendzeit verbringt er in Oberlauringen, einem Dorf in den Hassbergen, wo sein Vater als Justiz- und Kameralamtmann tätig ist. Die Ausbildung führt den jungen Johann Michael Friedrich zunächst nach Schweinfurt aufs Gymnasium und später nach würzburg und Heidelberg auf die Universität, wo Rückert nicht Jura studiert, wie das sein Vater eigentlich gewünscht hatte, sondern Sprachen und Mythologie.

1810 geht er schließlich als Privatdozent an die Universität Jena und promoviert dort 1811 mit einer sprachwissenschaftlichen Arbeit. Der Dissertation liegt die Idee zugrunde, dass Deutsch das ideale Medium für Übersetzungen aus fremden Sprachen sei. Schon darin wird deutlich, dass Rückert bei Übersetzungen über den wissenschaftlichen Ansatz der strengen Regeln von Vokabeln und Grammatik hinausgehen will. Ihn interessieren die Gedenken und Gefühle, die hinter den Worten stehen. 

Früh hat sich das dichterische Talent des jungen Mannes Bahn gebrochen. Seine erste große Liebe zu Agnes, der Tochter des Rentweinsdorfer Justizamtmanns Müller, die Trauer über den plötzlichen Tod des Mädchens und wenig später erneut romantische Gefühle für die aus Ebern stammende Wirtstochter Maria Elisabeth Geuß manifestieren sich in Dutzenden von Sonetten wie "Maiengruß an die Genesene", "Agnes Totenfeier" und "Amaryllis". Schon hier zeigt sich die Sprachkunst Friedrich Rückerts. Aber auch politisch zeigt sich der junge Dichter, der von 1812 an in Jena lebt, engagiert. Er veröffentlicht politische Lieder und ruft in "Geharnischte Sonette" zum Freiheitskampf gegen Napoleon auf.

Wichtige Impulse für seine dichterische Arbeit erhält Rückert 1814 durch die "Bettenburger Tafelrunde". Mit einer Reisetasche voll eigener Werke wandert er auf die Bettenburg bei Hassfurt, wo Rückert als Gast des Freiherrn Christian von Truchsess mit führenden Köpfen dieser Zeit zusammentrifft. Truchsess wird zum Mäzen des 26jährigen Dichters und Karl August Freiherr von Wangenheim, ein weiteres Mitglied der Tafelrunde, verhilft Rückert zu seiner ersten Anstellung als Redakteur des "Morgenblattes für gebildete Stände" in Stuttgart.

"Lieber Freund und Kupferstecher"

Im Auftrag des Verlages reist Rückert 1817 nach Italien, wo er in Rom den aus Eisfeld stammenden Graphiker Carl Barth kennenlernt. zwischen den Männern entwickelt sich eine enge Freundschaft. Die noch heute übliche Redensart "Mein lieber Freund und Kupferstecher" geht übrigens auf den Briefwechsel zwischen Rückert und Barth zurück und wurde von dem Dichter gern als Anrede benutzt. 

Zu einer für Rückerts Leben entscheidenden Begegnung kommt es im Winter 1818/1819 in Wien. Dort trifft er den Orientalisten Joseph von Hammer-Purgstall, der Rückert mit der arabischen und persischen Sprachwelt vertraut macht. Der Franke erweist sich erst als wissbegieriger Schüler und dann als genialer Übersetzer. Schon "Östliche Rosen", die erste Gedichtsammlung, die Rückert 1821 veröffentlicht, "lässt den Geist persischer Poesie im Deutschen nachklingen", wie Fachleute meinen. Schubert inspirieren die schönsten Gedichte dieses Zyjklus zu einer Vertonung.

Fruchtbare Schaffensperiode

Auf Anraten von Christian Friedrich Freiherr von Stockmar, des späteren Beraters von Prinzgemahl Albert, kommt Friedrich Rückert schließlich 1820 nach Coburg. Stockmar verschafft Rückert Zugang zur herzoglichen Staatsbibliothek und öffnet ihm die Bibliothek des Casimirianums, wo persische, arabische, indische und chinesische Originalschriften liegen. Damit beginnt die fruchtbarste Schaffensperiode des Dichters und Orientalisten. Scheinbar mühelos sprudeln die Verse aus seiner Feder. Selbst an das schwierigste Werk klassischer arabischer Literatur, das "Makamen des Hariri", wagt sich Rückert heran und schafft ein "unübertreffliches Meisterwerk, in dem alle Register der Rhetorik gezogen werden", wie später Sprachwissenschaftler urteilen.

Anna Luise Magdalena Wiethaus-Fischer dürfte nicht ganz unschuldig daran gewesen sein, dass es zu dieser "dichterischen Höchstleistung" kommt. Rückert lernt die Stieftochter des Archivrats Fischer kennen, als er in das Haus ihrer Eltern (heute Rückertstr. 2) einzieht. Schon ein Jahr später läuten für das Paar die Hochzeitsglocken. Dazwischen liegt eine Schaffensperiode, in der Rückert wie ein Bessessener arbeitet. Allein für Luise schreibt er 300 Lieder, die später im "Liebesfrühling" zusammengefasst werden.

Jetzt, wo der Dichter eine Familie zu ernähren hat, muss er sich um ein "orientalisches Auskommen" bemühen. Nach langem Hin und Her nimmt er im Herbst 1826 den Lehrstuhl für Orientalistik an der Universität Erlangen an. Übersetzungen aus dem Sanskrit kommen nun zu den zahlreichen anderen fernöstlichen Sprachen, die Rückert beherrscht. In seiner Erlanger Zeit entsteht wohl Rückerts bekanntestes Werk: "Die Weisheit des Brahmanen", eine schier unerschöpfliche Fundgrube von Erzählungen, Sinnsprüchen und Sentenzen aus dem Indischen. Ein Teil des Originalmanuskripts wird in den Kunstsammlungen der Veste Coburg aufbewahrt.

 

"Kindertotenlieder" entstehen

Aber auch schwere Schicksalsschläge fallen in die Erlanger Jahre: Rückert verliert nicht nur seine Eltern (Vater 1831, Mutter 1835), im Winter 1833/1834 sterben auch die beiden jüngsten Kinder, die dreijährige Luise und der fünfjährige Ernst kurz hintereinander. Dieser Verlust, der Rückert schwer trifft, veranlasst ihn, 400 "Kindertotenlieder" zu schreiben, die allerdings erst nach seinem Tod veröffentlicht werden. Einige dieser Lieder hat Gustav Mahler vertont.

1841 wird Rückert, der sich als Orientalist mittlerweile einen Namen gemacht hat, an die Universität Berlin berufen. Obwohl er dort geachtet, gefördert und mit Orden bedacht wird - König Friedrich Wilhelm IV. verleiht Rückert den "Pour le mérite" - ist der Dichter eher ein seltener Gast in der preußischen Hauptstadt. Jede freie Minute verbringt er in Neuses bei seiner Familie.

1838 hat Rückert das Gut Neuses bei Coburg erworben und zielstrebig zum Stammsitz der Familie ausgebaut. Dazu gehört auch ein Gartenhaus, das der Dichter auf dem Goldberg errichten lässt. Dieses idyllisch inmitten von Wiesen, Feldern und Obstbäumen gelegene Häuschen wird zum Refugium des unermüdlich arbeitenden Mannes. Hier übersetzt er die "Hamasa", eine Sammlung von mehr als tauschen arabischen Gedichten. Hier schreibt Rückert Dramenzyklen nach klassischen und biblischen Vorlagen. Hier entstehen aber auch politische Gedichte und Kampflieder, die Rückert als Verfechter eines deutschen Nationalstaates unter der Führung Preußens ausweisen.

1848 kehrt Rückert, der inzwischen zum Geheimrat ernannt wurde, Berlin für immer den Rücken. Gleichzeitig verzichtet er auf jede weitere akademische Tätigkeit und wählt dafür die Ruhe und Abgeschiedenheit seiner Dichterstube. Er wird immer mehr zum Einsiedler, der weder Besucher empfängt noch selbst Besuche macht. Dies verstärkt sich noch nach dem Tod seiner Frau Luise 1857. Die letzten Lebensjahre Rückerts, der am 31. Janaur 1866 stirbt, sind geprägt vom Wunsch, bald mit Luise vereint zu sein. 


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