Jede Stadt ist ein Notizbuch von Heidi Fischer

Jede Stadt ist ein Notizbuch von Heidi Fischer

Heidi Fischer, Mitglied der Schreibwerkstatt der vhs, vorgetragen im Rahmen von StadtLesen auf dem Albertsplatz am 31.05.2014

 

Jede Stadt ist ein Notizbuch oder ein Wörterbuch – kommt ganz drauf an, wie lange du dort wohnst oder bleiben willst. Venedig, zum Beispiel ist für den Touristen Markusplatz, Seufzerbrücke und Brunetti. Für den länger Verweilenden könnte ich mir Taubenscheiße, Asthmaspray, Vaterschaftsklage oder Brückensprung vorstellen.

Bei Paris fällt mir der Eifelturm ein, ganz klar, die Seine und auf jeden Fall Champagner, aber es kann natürlich auch Touristenfalle, Arbeitslosigkeit und brennender VW sein. Je nachdem was das Leben dir geboten hat in dieser Stadt. 

Meine Stadt hat auch ihre Touristenwörter: Bratwurstbude, Herzogtum, Sambafest, Mohrenkopf. Mich hat sie andere Wörter sammeln lassen – als Kind: Gregorius, Frühlingsfest, Rotzlöffel, Zuckerwatte, Schneemann, Topfschlagen. Später dann: Tanztee, Hofgarten, Bäckerfasching, Schwangerschaftstest, Grenzöffnung, Pflegeheim, Windelwaschen, Hochzeit und Beerdigung, Alltag, Krankheit, Bücherlesung.

Manchmal auch Satzfragmente wie: Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst…  da musst du erst Papa fragen… oder wenn ich erst mein eigenes Geld verdiene, bin ich weg hier. Sätze wie ich liebe dich und du riechst noch immer so sind auch dabei. 

Ganze Gespräche sind nicht dabei, immer nur Fragmente. Ich kann sie nicht wirklich in Worte fassen, diese Stadt. Nie ist ein Roman daraus geworden, viel zu viele gestrichene Erlebnisse, viel zu oft hat das Leben hier Zeug zur Satire und jeder kennt den anderen mit Namen.

Ich lebe hier schon lange und es wird wohl auch noch länger sein. Meine Stadt hat in ihrem Notizbuch Einsamkeit und Trauer stehen, Vertrauen und Verrat, Liebe und die Sehnsucht Ungereimtes in Verse zu schreiben. In welcher Stadt gibt es Wörter wie Veilchental, Goldschmätzle und Kühleduft? Oder den Satz ich brauche dich wie die Luft zum Atmen.

Und kaum ein Wort ist ein Fremdwort, kein Gespräch unvertraut. Ich kenne viele Ausgänge der erzählten Lebensgeschichten, Mystik gibt es an anderen Orten, hier bewegt sich nicht viel. Urbanes Dorf ist auch eines der Wörter und Verlässlichkeit. Genügsam sein bedeutet das bei weitem nicht. Aber es bedeutet Heimat und Angekommensein.    


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