Nichts als hier von Heidi Fischer

Nichts als hier von Heidi Fischer

Heidi Fischer, Mitglied der Schreibwerkstatt der vhs, vorgetragen im Rahmen von StadtLesen auf dem Albertsplatz am 31.05.2014

 

Ich wollte immer noch mal irgendwohin auswandern in  den Süden, zumindest  ein paar Jahre in die Toskana oder Richtung Südsee. Auf jeden Fall weg.

Zuhause in der oberfränkischen Kleinstadt riecht es zwischen den alten Stadtmauern nach Bratwürsten, Kühlerauch und Auspuffgasen. Wir liegen in einem Kessel. Wer nach außen will, muss bergauf. Nicht besonders befriedigend.

Und dann ein Nachmittag. Zwischen drei und vier Uhr im September. In der Nacht hat es Frost gegeben. Den ersten. Die Bougainvillea und das Zitronenbäumchen auf der Terrasse sind erfroren, die letzten Cocktailtomaten fallen von den braun gewordenen Stauden.

Die Sonne steht flach über dem Nachbarhaus. Der Himmel azurblau, ohne jede Wolke. Ein kleiner Wind raschelt durch die prallen Apfelbäume, kühlt meinen Nacken, der im dünnen Pullover leicht fröstelt, während das Gesicht sich rot und erhitzt anfühlt.

Auf den grauen Wegplatten glänzen Schneckenschleimspuren im Licht, die Katze schnurrt auf meinem Schoß. Ab und zu tippt ihre linke Pfote gegen meinen Unterarm, als wolle sie mich am Schreiben hindern. Ein Kleinflugzeug durchbricht die Stille, zieht eine Bahn über den Garten, verschwindet hinter den hohen Eschen des Nachbargartens.

Ich wohne am Stadtrand, oben am Berg, nicht im Kessel der Innenstadt.

Im Regenüberlauf badet eine Amsel, taucht kurz ins abgestandene Wasser ein, indem sie sich ganz flach macht, sogar mit dem Kopf. Dann richtet sie sich auf, spreizt ihr blauschwarzes Gefieder im Sonnenlicht und schüttelt mit eleganter Leichtigkeit die Nässe wieder ab.

Den Vorgang wiederholt sie mehrmals. Gelassen. Selbst die aufmerksamen Blicke der Katze ignoriert sie. Wassertropfen glänzen wie Diamanten in der Sonne.

Und auf einmal spüre ich, dass es passiert ist. Ich weiß, hier gehöre ich hin. Hier werde ich bleiben, schreiben und alt werden.


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