Wer oder was ist Heimat - Gedanken von Monika Dietrich

Wer oder was ist Heimat - Gedanken von Monika Dietrich

Monika Dietrich, Mitglied der Schreibwerkstatt der vhs, vorgetragen im Rahmen von StadtLesen auf dem Albertsplatz am 31.05.2014

 

Das Wort  „Heimat“ klingt für mich warm und weich.

Ich denke zuerst an den Ort an dem ich aufgewachsen bin, an meinen Geburtsort,

wo ich meine Wurzeln habe. Ich habe viele Erinnerungen an gute, glückliche Jahre

meiner Kindheit und Jugend in meiner Heimatstadt.
 

Die schmalen, romantischen Gassen, die nostalgischen Straßenlaternen, die Brücken, der Fluß, der Dom und der weite Domplatz mit seinen unebenen Pflastersteinen faszinieren mich noch heute.

Die Kirchturmglocke fällt mir ein mit ihrem besonderen

Klang und das ewig quietschende Kirchenportal aus Holz mit seinen honigfarbenen Glaseinsätzen.

Ebenso das Geräusch beim Öffnen eines Einmachglases, -- Stachelbeeren-Sommer 1960 --

und das leise Blopp vom Deckel der selbstgemachten Erdbeer- Himbeer-  oder Blaubeermarmeladen, die ich als Kind als erste öffnen durfte.

Ich erinnere mich gern und ein bisschen wehmütig an den wunderbaren Duft  und den Geschmack dieser Marmeladen auf dem frischen, selbstgebackenen Brot mit Butter.

Beim Blick aus dem Küchenfenster auf den alten Lindenbaum mit

seinen gelben Blüten im Mai leistete mir unser zahmer Wellensittich auf meiner rechten Schulter oft Gesellschaft.

 

Ich erinnere mich gern an den leichten Sommerwind, der damals durch meine langen Haare

und über das Kornfeld strich und die Ähren wellenartig bewegte. Ich habe mich da erstmals  gefragt, warum man den Wind selbst niemals sehen kann, nur seine Auswirkungen.

 

Zur Weihnachtszeit erfüllte der Duft von Zimt und Bratapfel unser Haus, ebenso der Geruch

von frischem Tannengrün, das manchmal nach Harz roch und an den Händen klebte.

Die selbstkreierten Vanillemonde und  -sterne meiner Mutter  zerflossen in meinem Mund und schmeckten einfach wunderbar.

 

All das und vieles mehr verbinde ich mit dem Begriff  -Heimat-  Es sind vertraute Menschen, Gerüche, Geräusche, Gefühle, Erlebnisse, die mich an früher erinnern und geprägt haben.

 

Zur Heimat kann ein Ort auch werden, der weit entfernt von den eigentlichen Wurzeln ist

z. B. für Flüchtlinge, Heimatvertriebene, Heimatlose. Ich kenne Menschen, die dankbar von ihrer neuen Heimat sprechen.

 

Wieder ein Ort gefunden zu haben, in dem sie eingebettet sind in soziale Beziehungen,

in Familie und Freundeskreis, wo sie beheimatet sind, wo es heimelig ist, wo jemand auf sie wartet. Es ist die zweite Heimat, nicht die erste, das ist ihnen schmerzlich bewußt.

 

Eine spirituelle Heimat kann man in einer Glaubensgemeinschaft oder Ähnlichem finden.

 

Im besten Fall lenkt man den Blick in sich selbst hinein, in das Haus seines Wesens.

Hat man dort eine Heimat gefunden, ist das möglicherweise der beglückendste

Ort der Welt denn man trägt immer ein Stück Heimat in sich, fühlt sich gehalten, umarmt

und beschützt wie ein Kind.

 

Monika Dietrich /  28.11.2013


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